Radikal Neues
Eine Modellentwicklung für spartenübergreifendes interdisziplinäres Arbeiten.
Projektbeschreibung:
Das Projekt „Radikal Neues“ ist ein Entwicklungslabor für mehrere exemplarische spartenübergreifende gemeinsame Projekte bzw. Werke, die interdisziplinäre Teams von einer/m oder mehreren Künstlerinnen / Künstlern und einer/m oder mehreren Wissenschaftlerinnen / Wissenschaftlern zu einer konkreten Fragestellung erarbeiten.
„Radikal Neues“ wird von einem Projektteam von vier Frauen aus dem transdiszplinären Netzwerk „Emergence of Projects (eop)“ und dem Webmaster des Netzwerks in einem mehrstufigen Prozess getragen:
Die Konzeption baut auf den Erfahrungen eines früheren Projekts von Emergence of Projects, dem Dialogprojekt WISSEN SCHAFFT FRAGEN auf.
In der Folge wurde innerhalb des Netzwerks Emergence of Projects ein Call zur Interessensbekundung ausgeschrieben. Diese Interessensbekundung sollte eine Fragestellung beinhalten, die die Einreichenden – entweder KünstlerIn oder WissenschaftlerIn mit PartnerInnen aus dem jeweils anderen Bereich in Form eines gemeinsamen Werks bearbeiten wollen.
9 Interessensbekundungen von KünstlerInnen und 2 von Wissenschaftlern wurden eingereicht.
Die weiteren Stufen des Projekts sind nun
– die PartnerInnensuche
– die coachende Betreuung der Erprobung der jeweiligen interdisziplinären Paare bzw. Gruppen, ob sie eine gemeinsame Arbeitssituation finden
– die Zuspitzung der Frage in kunsttheoretischer sowie wissenschaftstheoretischer Hinsicht
– und die beratende Begleitung dieser interdisziplinären Arbeitsteams in den verschiedenen Stadien von deren Projektplanung, Antragsentwicklung und Arbeitsprozess (nach Art der beratenden Begleitung des FFG für EU-Projekte). Diese Supervision ist einerseits Support für die Kommunikation dieser Arbeitsteams in ihren unterschiedlichen Begrifflichkeiten und theoretischen Zugängen, andererseits ergänzt sie auf einer Meta-Ebene deren Dokumentation ihres Arbeitsprozesses.
– Dokumentation der Prozesse analog und digital auf einer Website
– Einbringen der Erfahrung in den Diskurs zu interdisziplinärer Arbeit in Social Media
Ausgangslage:
Das Netzwerk Emergence of Projects (eop) wurde 2003 explizit zur Kommunikation und Kooperation von Menschen aus verschiedenen künstlerischen und wissenschaftlichen Disziplinen gegründet, um dadurch Verständnis und Beziehungen im innovativen und geistigen Feld zu stärken und so diesem Segment der Gesellschaft zu mehr Produktivität und Bedeutung zu verhelfen.
Bereits 2005 entstand auf Anfrage des Lehrgangs „Wissenschaftskommunikation“ des Instituts für molekulare Biologie an Emergence of Projects das Projekt Leben Manipulieren, in dem 8 KünstlerInnen aus dem Netzwerk in den offenen Labors arbeiteten und aus dieser Erfahrung Werke schufen, die zusammen mit Posters der Studierenden der Molekularbiologie im Rahmen einer Ausstellung im diskursiven Setting eines Open Spaces der Öffentlichkeit vorgestellt wurden.
Aus den Reflexionsgesprächen dazu wurde 2006 mit dem Projekt WISSEN SCHAFFT FRAGEN ein nächstes Modul von Begegnungen zwischen Kunst und Wissenschaft von Emergence of Projects entwickelt, ein Setting, in dem 24 KünstlerInnen mit einer ihrer Arbeiten jeweils eine Forscherin / einen Forscher an seinem Arbeitsort besuchten und mit ihr/ihm an Hand des mitgebrachten Werks ein Gespräch zu diesem und der Beziehung zwischen Kunst und Wissenschaft im allgemeinen führten. Prominente WissenschaftlerInnen wie Helga Kromp-Kolb, Peter Aichelburg, Markus Hengstschläger, August Ruhs, Renée Schröder, Birgit Sauer, Monika Mokre, Harald Katzmair, Immanuel Bomze u.a. beteiligten sich an diesem Projekt. Die Dialoge wurden auf einer Website online gestellt sowie 2007 in einer Ausstellung in der Universitätsbibliothek präsentiert und mit einer Broschüre dokumentiert. Schon damals tauchte bei einigen Beteiligten der Wunsch auf, die Entwicklung eines gemeinsamen Werks über die Grenze Kunst / Wissenschaft hinweg zu versuchen.
Inzwischen boomt durch den neuen Universitätsstatus der Kunsthochschulen dieser Zwischenbereich: Der FWF hat das Format der PEEK-Projekte zur Erforschung und Erschließung der Künste entwickelt. Der WWTF vergibt große Förderungen für Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Auch international sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten. Zumeist sind diese Projekte jedoch im Bereich der „artistic research“ angesiedelt und stark theoriebezogen. Die Calls wenden sich fast ausschließlich an universitäre oder außeruniversitäre Forschungsinstitutionen oder Konsortien. Einzelne KünstlerInnen, die spartenübergreifend mit WissenschaftlerInnen arbeiten wollen, haben in diesen großen Ausschreibungen keine Chance. Damit kann ihr Innovationspotential nicht zum Tragen kommen.
In der Ausschreibung des BMUKK für spartenübergreifende Projekte sieht das Netzwerk Emergence of Projects, dem es um die Stärkung der einzelnen AkteurInnen und ihrer Innovationskraft geht, eine große Chance, tiefer in einen solchen Kooperationsmodus hineinzuleuchten und wirkliche interdisziplinäre Arbeit zu initiieren. Emergence of Projects hat deshalb die Idee aus dem „WISSEN SCHAFFT FRAGEN“ wieder aufgenommen und auf der Grundlage der Gespräche mit dem damaligen Vorstand des Instituts für Soziologie der Universität Wien Sighard Neckel das Projekt „Radikal Neues“ konzipiert. Im Zentrum der zu entwickelnden interdisziplinären Arbeiten steht jeweils die Fragestellung, – nicht eine schon bestehende Gruppe, die zusammen ein Thema sucht. Dadurch unterscheidet sich „Radikal Neues“ von anderen interdisziplinären Projekten.
Zielsetzung:
Die Projektreihe „Radikal Neues“ versteht sich als Beitrag zur Grundlagenforschung im Bereich spartenübergreifender Kooperation. Ziel ist es, ein Modell echten interdisziplinären Arbeitens zu entwickeln und damit neue Entwicklungen im Kunst-, Kultur und Geistesleben anzustoßen. Dazu setzt „Radikal Neues“ in zweifacher Hinsicht an der Begegnung von Kunst und Wissenschaft an und beobachtet die entstehenden Beziehungen:
Zum einen untersucht „Radikal Neues“ an Hand der konkreten Einreichungen und der Begleitung ihrer Projekt-Realisierungen das Verhalten der jeweiligen AkteurInnen aus den unterschiedlichen Fachbereichen: wie sie kommunizieren, was sie motiviert, was sie hemmt, welche ihrer spezifischen Ideen sie einbringen und wie sie im Lauf des Arbeitsprozesses ihr Potential zur Geltung bringen können, aber auch welche Arbeitsbeziehungen möglicherweise scheitern und warum.
Zum anderen geht es um die Beziehungen der Disziplinen selbst, die miteinander in diesen Arbeitsprozessen konfrontiert werden: Das Emergence of Projects-Projektteam analysiert und dokumentiert, welche theoretischen Ansätze, Denkweisen und Methoden zur Anwendung kommen und wie diese miteinander in der Praxis korrelieren oder möglicherweise in Konflikt geraten und wie weit neue und Meta-Ansätze entstehen können.
Dadurch, dass eine Reihe verschiedener Einzelprojekte aus unterschiedlichen Disziplinen durch den internen Call angestoßen und vom Emergence of Projects-Projektteam coachend begleitet und dokumentiert wird, ist mehrfacher und über einen speziellen Fall hinaus grundlegender Erkenntnisgewinn zu erwarten:
– Erkenntnisse, ob radikal Neues auf diese Art entstehen kann
– Erkenntnisse zu Schnittstellen von Kunst und Wissenschaft
– Erkenntnisse zu Möglichkeiten der Weiterentwicklung von Kunst und ihrer Impulse für die Gesellschaft und Wissenschaft
– Erkenntnisse über die Kommunikationsstrukturen zwischen KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen
– Erkenntnisse, wie weit der Erfolg solcher Versuche abhängig von Disziplinen ist
– Erkenntnisse, was solche Versuche für den Hybriditätsbegriff bedeuten
– Erkenntnisse aus solchen Versuchen für die Innovationsforschung
Die entstehenden Werke schließlich, die die interdisziplinären Teams einzeln einreichen und erarbeiten, sollen abschließend in einer Ausstellung präsentiert werden und so zusammen mit den Dokumentationen der Arbeitsprozesse als Referenzprodukte einer klaren spartenübergreifenden Arbeit dienen.
Die Erfahrungen aus dieser Projektreihe „Radikal Neues“ sollen auch in die Debatte zu interdisziplinärem Arbeiten eingehen und Impulse für den entsprechenden Diskurs setzen.
Themen der zu entwickelnden Projekte:
Die eingereichten Themen spannen einen breiten Bogen:
• Der Biochemiker Günther Lametschwandtner will mit einer Bildenden Künstlerin zu Blutmarkern und dabei entstehenden rechtlichen Fragen arbeiten.
• Isabel Czerwenka-Wenkstetten befasst sich mit Zukunftsfragen wie der Anwendung des Schmetterlingseffekts auf Windmaschinen und will eine/n Kybernetiker/in als Partner/in dafür
• Die Zusammenhänge von Planung, Kausalität bzw. Zufall sind die Fragen, für die bildende Künstlerin Ilse Chlan PartnerInnen aus Physik und Philosophie möchte
• In einem Projekt zum Verhältnis von mentalen und physischen Zuständen will die weitere bildende Künstlerin Christiane Spatt mit SpezialistInnen aus Neurophysiologie und Philosophie arbeiten
• Malte Fiala, Künstler auf dem Gebiet der digitalen und Medienkunst, will mit ForscherInnen aus Politikwissenschaft, vielleicht auch Soziologie zum Thema „Zusammenwirken der Entdemokratisierung des europäischen Raums mit dem nationalistischen Gedankengut europäischer Länder“ arbeiten.
• Die digital arbeitende Künstlerin Synusia Casaluce-Geiger hat sich die Funktion des Herzens als Thema gewählt und will mit einer Medizinerin an einem Projekt dazu arbeiten.
• Die feministische Aktionskünstlerin und digitale Expertin Stefanie Wuschitz will mit ExpertInnen aus Politikwissenschaft und Informatik ein Modell zu besseren Voraussetzungen für weibliche Handlungsermächtigung schaffen
• Die bildende Künstlerin Heliane Wiesauer-Reiterer die Bedeutung der Farbe Schwarz und wir suchen für sie PartnerInnen aus der Wahrnehmungspsychologie bzw. Soziologie
• Die Musikwissenschaftlerin, Musikerin und Komponistin Pia Palme sucht PartnerInnen für musikalisch-raumästhetischeFragen neuen Musiktheaters
• Die bildende Künstlerin Katharina Razumovsky will mit ForscherInnen aus Soziologie und Philosophie der Subjektivität im Wechselspiel von Raum und Zeit nachgehen
• Der Informatiker und Kartograph Flo Ledermann will mit einer/m Künstler/in ein neuartiges Mappingprojekt nach zukunftsweisenden Parametern entwickeln.
Team Projektentwicklung:
• Helga Köcher, Betreiberin des Netzwerks Emergence of Projects, Künstlerin im sozialen Kontext sowie Projektmanagement
• Kristina Mensch, Soziologin, gegenwärtig Masterstudium Kultur- und Sozialanthropologie
• Claudia Mongini, Physikerin, Konzeptkünstlerin, Theoretikerin
• Christiane Spatt, Bildende Künstlerin, Kunsttherapeutin
• Ludwig Bekic, Internetdesigner, Webmaster